Grundlagen
Juvenile Nephropathien
(JRD - von engl.: juvenile renal dysplasia) bilden eine wichtige
Untergruppe der Nierenerkrankungen bei Hunden. Dysplasie ist die
krankhafte Fehlbildung von Zellen bzw. Organen. Bei JRD werden die
Nieren während der Embryogenese in der Gebärmutter nicht richtig
ausgebildet. Zum Zeitpunkt der Geburt weisen die Nieren unreife
Strukturen auf, die aus undifferenzierten fötalen Zellen bzw.
Gewebearten bestehen und die während der gesamten Lebensdauer des
Tieres bestehen bleiben.
In der
veterinärmedizinischen Fachliteratur, in Fallstudien und
wissenschaftlichen Artikeln wird dokumentiert, dass zahlreiche
Hunderassen von JRD betroffen sind. Interessanterweise weist JRD bei
diesen Rassen den gleichen Phänotyp auf: Kennzeichen sind unreife
Glomerula und/oder Tubuli sowie bestehendes Mesenchym.
Über den Erbgang von JRD
wurde viel diskutiert, da bei dieser Krankheit viele verschiedene
Symptome und pathologische Befunde auftreten. Die endgültige
Diagnose von JRD erfolgt mittels Exzisionsbiopsie, bei der
dysplastische Veränderungen wie krankhafte Duktus und Glomerula
offen gelegt werden. Individuen, bei denen die Biopsie Schädigungen
ergeben hat, können sich einerseits asymptomatisch verhalten und
keinerlei Anzeichen der Krankheit zeigen. Andererseits können sie
die klassischen Symptome für chronisches Nierenversagen im
Endstadium zeigen oder sich in einem Zustand zwischen diesen beiden
Extremen befinden. Aufgrund des breiten Spektrums an Symptomen
werden betroffene Individuen oft nicht erkannt und verbleiben im
Zuchtbestand. Die Entwicklung eines genetischen Tests ist daher
entscheidend für den Umgang mit dieser Krankheit und ihre
Beseitigung. Ein genetischer Test würde außerdem die Frage nach dem
Erbgang beantworten.
Das JRD-Auslösergen
wird entdeckt und ein genetischer Test entwickelt.
Während sich der Fötus
entwickelt, bilden bestimmte Gene Bahnen oder Kaskaden und
regulieren so die Entwicklung verschiedener Organe und Strukturen
des Körpers (Die Funktionsweise entspricht der einer Dominoreihe.
Fehlt ein Teil, funktionieren die anderen nicht). Da jedes Gen in
jeder Zelle zweifach vorhanden ist, reicht eine unveränderte Kopie
für die Verkettung aus (rezessive Vererbung). Das menschliche Genom
enthält ca. 20.000 bis 25.000 Gene. Es ist anzunehmen, dass das
Hunde-Genom die gleiche Anzahl an Genen enthält, von denen einige
hundert oder mehr für die Reifung bestimmter Organe verantwortlich
sind. Nicht alle dieser auf Gewebe spezialisierten Gene sind für die
Entwicklung bestimmter Zelltypen unbedingt erforderlich. Das haben
Versuche mit sogenannten Knockout-Mäusen gezeigt, bei denen Gene
vollständig deaktiviert wurden, ohne dass an den Tieren Auswirkungen
beobachtet werden konnten. Bei einer Nephropathie in
Versuchsorganismen, z.B. Mäusen, wurden mutierte
Transkriptionsfaktoren (Gene, die Proteine programmieren, die andere
Gene aktivieren) oder Wachstumsfaktoren (Gene, die Proteine
programmieren, die das Zellwachstum fördern) in Verbindung mit dem
Auslösen der Krankheit gebracht.
Eine Methode um Gene zu
finden, die genetische Erkrankungen verursachen, ist die Verwendung
von Kandidatengenen. Das sind Gene, von denen bekannt ist, dass sie
bestimmte Krankheiten in Versuchsorganismen auslösen, so z.B. bei
Mäusen, Ratten, Zebrafischen oder bei der gemeinen Fruchtfliege.
Diese Methode wurde auch
bei der Suche nach der Mutation verwendet, die JRD bei Hunden
hervorruft. Nach der DNA-Sequenzierung von sechs Kandidatengenen
wurde die krankheitsverursachende Mutation schließlich in einem Gen
bei Lhasa Apsos und Shih-Tzus gefunden. Bei anderen Rassen mit
JRD-Fällen wurde diese Mutation dann ebenfalls entdeckt, so auch bei
Cairn-Terriern. Jetzt gibt es einen speziellen Gentest für viele
Rassen, die von dieser Störung betroffen sind.
Mittels Ahnenforschung
konnte schließlich herausgefunden werden, dass der Erbgang dominant
mit unvollständiger Penetranz ist.
Was bedeutet dominant
mit unvollständiger Penetranz?
Sämtliche Chromosomen
treten in Paaren im Zellkern auf. Jedes Paar besteht aus einem
Chromosom vom Vatertier und einem vom Muttertier. Somit besitzt
jedes Tier zwei Kopien jedes Gens. Bei Hunden sind es 78 Chromosomen
bzw. 39 Paare.
Das Erscheinungsbild
eines Individuums wird unter dem Begriff "Phänotyp" zusammengefasst.
Der "Genotyp" hingegen bezieht sich auf die genetische Struktur oder
den genetischen Aufbau eines Individuums.
Eine Mutation ist eine
bleibende Veränderung der DNA-Sequenz eines Gens, unabhängig davon,
ob sie gut-, bösartig oder neutral ist. Mutationen, die genetische
Erkrankungen verursachen, können dominant vererbt werden. Dabei
reicht eine fehlerhafte Kopie des Gens aus um die Krankheit oder ein
phänotypisches Merkmal hervorzurufen. Die Mutationen können auch
rezessiv vererbt werden, wobei zwei fehlerhafte oder mutierte Kopien
des Gens benötigt werden um die Krankheit zu verursachen oder ein
phänotypisches Merkmal hervorzurufen.
Dominant mit
unvollständiger Penetranz sagt aus, dass eine vererbte Mutation bei
einem Individuum in Erscheinung oder nicht in Erscheinung treten
kann.
Penetranz ist die
Häufigkeit des Auftretens des Phänotyps (oder einiger Merkmale der
Krankheit). Wenn die Penetranz beispielsweise mit 75% angegeben
wird, kommt es in 3 von 4 Fällen zum Ausbruch der Krankheit. Die
angenommene Penetranz von JRD ist mit 5% relativ niedrig. Daher wird
nur eine geringe Anzahl von Individuen, bei denen die Mutation
vorkommt, Anzeichen der Krankheit zeigen. Sie können jedoch die
Krankheit auf ihren Nachwuchs übertragen. Ein Gentest ist daher
entscheidend für den Umgang mit JRD: Er ist die einzige Möglichkeit,
diese Störung zu beseitigen. Es ist möglich, dass es noch unbekannte
Risikofaktoren oder Auslöser gibt, die Einfluss auf den Ausbruch der
Krankheit haben.
Wie kann der neue Test
dazu beitragen, diese Störung bei einer Rasse zu beseitigen ohne den
Genpool zu beeinträchtigen?
Gentests sind so
konzipiert, dass Störungen behandelt und gegebenenfalls beseitigt
werden ohne die Vielfalt im Genpool zu gefährden. Auch wenn Sie
gerade herausgefunden haben, dass Ihr Hund die Mutation für Juvenile
Nephropathien in sich trägt, besteht noch kein Grund zur Panik. Sie
haben jetzt die Möglichkeit, mit der Krankheit fertig zu werden und
sie zu beseitigen. Diese Mutation tritt bei vielen Rassen extrem
häufig auf. Vor der Entwicklung des Gentests war es unmöglich die
Mutation nachzuweisen und zu beseitigen. Die Krankheit tritt
aufgrund des Erbgangs mit unvollständiger Penetranz sporadisch auf,
was bedeutet, dass ein Tier mit Mutation klinische Anzeichen dieser
Krankheit zeigen kann oder nicht, sie aber dennoch auf die nächste
Generation vererben kann.
Alle Hunde (und
lebenden Organismen) sind Träger verschiedener Mutationen.
Wenn bei einem Tier eine
genetische Erkrankung auftritt, ist das nicht unbedingt eine Folge
schlechter Zuchtpraxis, sondern liegt in der Natur der Vererbung als
zufälliges Ereignis. Obwohl es schwierig ist die genaue Anzahl der
Mutationen bei Hunden zu bestimmen, ist, wenn man von anderen Arten
her schlussfolgert, die Chance recht hoch, dass jedes neu
entstandene Individuum eine neue Mutation in irgendeinem Gen
aufweist. Es ist also so, dass mit jeder neuen Zuchtgeneration neue
Mutationen entstehen. Aber da sie nur sehr selten auftreten,
verschwinden sie in der Regel bei der nachfolgenden Zucht wieder.
Das perfekte Tier gibt nicht!
In den Zellen finden sich
zwei Chromosomensätze, einer vom Vatertier und einer vom Muttertier.
Hunde haben 39 Chromosomenpaare. Jedes Paar besteht aus einem
Chromosom vom Vatertier und einem vom Muttertier. Bei einer
einfachen rezessiven Mutation bildet eins der Chromosome, entweder
das vom Vater- oder das vom Muttertier, ausreichend Proteine, so
dass das Tier überleben kann. Das Wildtyp-Chromosom des Paares
liefert also genügend Proteine (Genprodukt) um ausgleichend für das
mutierte Chromosom zu wirken. Bei einer dominanten Mutation ist nur
eine Kopie des Chromosoms, das die Mutation trägt, notwendig um die
Krankheit auszulösen.
Wird eine der vielen
Mutationen, die Ihr Tier trägt, erkannt, können Sie nun
zielgerichtet diese erkannte Mutation beseitigen und nicht
versehentlich eine andere schädliche Mutation ihres Tieres
bekämpfen. Eine groß angelegte Beseitigung der Träger wäre die
schlechteste Entscheidung, da dies die Vielfalt im Genpool
verringern würde.
Wie bei jeder Zucht
müssen Sie die positiven und negativen Merkmale eines jeden Partners
in Betracht ziehen und auch wie sich die elterlichen Merkmale am
günstigsten ausgleichen und ergänzen.
Kurze Geschichte von
JRD bei Deutschen Schäferhunden
Während der vergangenen
15 Jahre gab es bei Deutschen Schäferhunden in Großbritannien 10-20
Würfe, bei denen der größte Teil des Wurfs offensichtlich an JRD
starb. Obwohl der Eindruck entstehen kann, dass diese Fälle auf ein
oder zwei bekannte Muttertiere zurückzuführen sind, ist diese
Mutation wahrscheinlich weiter verbreitet als derzeit angenommen
wird.
Im Verlauf meiner Arbeit
mit den verschiedenen Rassen gab es Züchter, die bestritten jemals
einen Fall in ihrem Bestand gehabt zu haben und die überrascht
waren, dass die Mutation präsent war oder plötzlich nach Jahren ein
Wurf mit der Krankheit geboren wurde. Diese Krankheit tritt
sporadisch auf und wird wahrscheinlich genetisch beeinflusst.
Jene, die bestreiten,
dass die Mutation bei ihnen auftritt, frage ich, ob sie das
untersucht haben und wie viele Biopsien sie bei ihren Hunden
durchgeführt haben. Die Antwort ist in der Regel, dass sie bei ihren
Tieren nicht auf JRD geachtet haben und selbst wenn ein kompletter
Wurf in frühem Alter verstarb, sie nicht an die Möglichkeit von JRD
gedacht haben, es sei denn, es handelte sich um eine Rasse, bei der
die Störung bekannt war. Viele Tierärzte haben die Krankheit
ebenfalls nur Lhasa Apsos und Shih-Tzus zugeordnet.
Es folgt ein Ausschnitt
eines Artikels von
Dr. Kenneth
Bovee
über JRD bei Shih-Tzus:
“Die Nephropathie
tritt in Nordamerika bei dieser Rasse sehr häufig auf. In einer
Studie wurden 74 Hunde zufällig ausgewählt und mittels
Exzisionsbiopsie der Niere untersucht. Nur bei 16% konnte kein
histologischer Nachweis der Krankheit erbracht werden. 52% der
übrigen Tiere wiesen 1-5% fötale Glomerula auf. 20% von ihnen waren
mit 6-15% fötaler Glomerula mäßig betroffen. Bei den übrigen 12%
konnten über 15% fötale Glomerula festgestellt werden. Diese
Ergebnisse deuten darauf hin, dass die genetische Beschaffenheit der
Krankheit bei dieser Rasse sehr vielfältig ist. Da viele Hunde
nur leicht betroffen sind, was aufgrund nicht durchgeführter
Nierenbiopsien nicht festgestellt wird, stellt sich die Frage nach
der genetischen Übertragung der Störung bei normal erscheinenden
Hunden.”
Den Artikel von
Dr. Kenneth Bovee
finden Sie auf folgender Internetseite (auf Englisch):
http://www.vin.com/proceedings/Proceedings.plx?CID=WSAVA2003&PID=6602&O=Generic
Wenn bei Ihrer Rasse JRD
auftritt, sollte das als Träger der Mutation identifizierte
Tier möglichst mit einem genetisch freien Exemplar verpaart werden.
Die Jungen werden dann zu ca. 50% frei von dieser Mutation sein. Bei
der gängigen Verpaarung eines homozygoten Individuums, das zwei
Kopien des Gens besitzt (homozygotes mutiertes Allel = homozygot),
mit einem freien Exemplar entstehen ausschließlich Träger. Dies ist
der einzige Weg, die Mutation gegebenenfalls zu beseitigen.
Allerdings ist diese Zuchtmethode nur empfehlenswert, wenn es keine
andere Möglichkeit gibt. Tritt die Mutation bei einer Rasse häufig
auf, dann haben die Züchter diese Art der Verpaarung ständig
unbewusst praktiziert. In nachfolgenden Generationen können die
Träger dann mit freien Exemplaren gepaart werden. Natürlich ist die
Verpaarung der genetisch freien Tiere untereinander die ideale
Methode. Für Ihre Rasse ist es jedoch wichtig, die genetische
Vielfalt zu erhalten.
Was passiert mit einem
Wurf aus der Paarung zweier freier Tiere?
Dr. Bovee sagt
in seinem Artikel, dass bei dieser Art der Verpaarung noch immer
Träger mit 1-3% fötaler Glomerula entstehen.
Er bezieht sich dabei auf
zwei Tiere, die laut Biopsie als 'frei' galten (Phänotyp), laut
DNA-Test jedoch nicht (Genotyp). Tiere, die Träger der Mutation
sind, können ganz normale Biopsiewerte aufweisen. Daher waren die
Versuche die Störung mittels Biopsie (Phänotyp) zu beseitigen
erfolglos. Nur ein Gentest sagt Ihnen sicher, womit Sie es zu tun
haben.
Was erfährt der
Züchter von solch einem DNA-Test?
Die DNA-Testergebnisse
werden folgendermaßen ausgewertet:
a) Träger (eine Kopie der
JRD-Mutation)
b) Homozygotes mutiertes
Allel = Homozygot (zwei Kopien der JRD-Mutation)
c) Frei.
Bei a) und b) ist das
Tier möglicherweise von JRD betroffen.
Diese Informationen aus
dem DNA-Test sind offenkundig wichtig für den Züchter und für die
Zukunft der Rasse.
Vor der Entwicklung
dieses DNA-Tests
konnte JRD nur durch eine Biopsie diagnostiziert werden. Eine
Biopsie zeigt den Phänotyp auf. Eine Exzisionsbiopsie offenbart
dysplastische Veränderungen wie krankhafte Duktus und unreife
Glomerula. Individuen, bei denen die Biopsie Schädigungen ergeben
hat, können sich einerseits asymptomatisch verhalten und keinerlei
Anzeichen der Krankheit zeigen. Andererseits können sie die
klassischen Symptome für chronisches Nierenversagen im Endstadium
zeigen oder sich in einem Zustand zwischen diesen beiden Extremen
befinden. Aufgrund des breiten Spektrums an Symptomen werden
betroffene Individuen oft nicht erkannt und verbleiben im
Zuchtbestand.
Derzeit gibt es keine
Angaben zur Häufigkeit der Mutation bei Deutschen Schäferhunden oder
anderen Rassen. In einer ersten Teststudie werden lediglich 20
Deutsche Schäferhunde getestet. Es sind viele weitere Tests
erforderlich um herauszufinden wie verbreitet die Mutation bei
dieser Rasse ist. Nur mit diesem Wissen können Sie die Störung
effektiv beseitigen.
Verbände für andere
Rassen können mich über Dogenes Inc.
http://www.dogenes.com
kontaktieren um eine JRD-DNA-Teststudie für ihre Rasse zu
besprechen.
Für den DNA-Test
verwendet DOGenes Wangenabstriche.
Wir benötigen drei
Proben pro Hund. Außerdem sind weitere Angaben zum Tier
erforderlich sowie Ahnenangaben über 3 bis 5 Generationen.
Weitere Informationen zum
Test finden Sie auf unserer Internetseite
http://www.dogenes.com
Nutzen Sie Ihr Wissen
weise
Schützen Sie Ihren
Genpool und erhalten Sie die genetische Vielfalt Ihrer Rasse
Mary H. Whiteley, Ph.D.
DOGenes Inc.